Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Frau Sonntag, geschätzte Freunde der Stubengesellschaft, liebe Kunstfreunde, lieber Martin Wernert.
Es ist mir eine Ehre, dass Sie mir das Vertrauen schenken, zu einer Kunst sprechen zu dürfen, in deren geradezu unheimlicher, kraftvoller Stille der Schriftsteller Arnold Stadler (2009) ein sehr existentielles – dieser Ausstellung titelgebendes – Momentum unseres Daseins entdeckt hat, das uns in einprägsamen Bildern eine „Vorstellung von Zeit, von Dauer und Währen und Bestandhaben" liefert, das uns erahnen lässt, wie „kurz das Leben ist, und aus wie wenigen Dingen die Welt und der Mensch besteht", das in wohl gesetzten Perspektiven Schlaglichter wirft aufs eigne Dasein und das, was es umgibt, umflort zugleich von jener Wehmut, die allem Dasein und der unerfüllten Illusion, es niemals aufzugeben, innewohnt.
Ich entführe Sie zunächst dorthin, wo diese Kunst entsteht. Wer Martin Wernerts Atelier besucht, betritt einen magischen Ort. Ein altes rotziegeliges Industriegebäude, das schon bessere Tage gesehen hat, dessen Funktion sich für den Fremden nicht sofort erschließt, wenn es überhaupt noch eine hat. Der Weg dahin führt durch ein angelehntes Zauntor über einen schmalen Pfad nebst einer nur selten noch gemähten Wiese. Neben einer schweren Tür aus graugestrichenem Holz die Klingel, oben, drei Stockwerk höher geht ein Fenster, dort lebt der Künstler als einziger Bewohner eines betagten Labyrinths, wo Martin Wernert sich ganz oben eingerichtet hat. In einem großen Raum das Atelier, alte Tische, Staffeleien, das Bett, ein riesiges Bücherregal teilt die Bereiche, Wernert ist nicht nur Maler, sondern auch notorischer Leser mit einer hohen Affinität zur zeitgenössischen Musik. Er selbst spielt Schlagzeug auf hohem Niveau. Es ist Abend, und ab und an huschen Lichtkegel vorbeifahrender Autos über die Wände der alten Kartonfabrik. Im Halbdunkel ruhen antiquierte Maschinen aus schwerem Guß, bis heute im Dienst, unendlich haltbar, Monumente ihrer selbst, doch ihre Zeit scheint abgelaufen, wie vieles hier, was uns umgibt.
Das Haus wäre eigentlich der typische Ort für einen Künstler in Berlin, wo der 1965 in Meßkirch geborene Martin Wernert phasenweise wohnte, doch bald das Weite suchte, fliehend der selbstverliebten Stadt, die Bedeutung oft nur spielt, sich Großes anmaßt, ohne es zu sein. Wernerts Klause weitab davon, sie steht in Trossingen, wie Kafkas Schloss als Solitär befremdlich mitten im Herzen einer kleinen Stadt. Ein Ort der Ruhe wohl. Wer solche Bilder malt, wie Martin Wernert, der braucht Ruhe, zum Nachdenken, zum Malen, beides Synonyme für sein Tun.
Die Bilder sind so magisch wie der Ort, wo sie entstehen, der Raum selbst ist die Kulisse seiner Bilderwelt, und wer ihn betritt, betritt zugleich die Welt der Bilder. Bild und Abbild, Erfindung und Wahrheit, Hier und Dort, fließen unmerklich ineinander, Dank eines Malers, der die Welt mehr schaut als andere und ihnen davon zeigt, was sie sonst flüchtig übersehen. Fabrikfensterblicke, der neblichte Schimmer von Straßenlaternen, die Schattenwürfe alter Fensterkreuze, schwereisernes Gerät aus anderen Zeiten. Der Künstler, infiziert vom Ort, schafft Arrangements von Personen und Objekten, sie wollen entschlüsselt sein, und doch entziehen sie sich letzter Deutung. Nicht selten treffen wir zweimal auf dieselbe Gestalt im Bild, eine Frau, die ihrem Alter Ego begegnet, eine nachdenkliche Haltung evozierend, ein Nachdenken über die Welt, das Leben, die Vergänglichkeit, den Tod. Martin Wernerts Memento-Mori-Malerei schichtet in altmeisterlichen Lasuren Fragen über Fragen an eine brillant erfasste Wirklichkeit, hinter derem Schein der Anschein mehr verhüllt als preisgibt. Unendliche Variationen der Frage nach dem Sein.
Irgendwie verloren wirken sie da, die Frauen zwischen Apparaturen und Geräten, die doch eigentlich für Rationalität, Organisation und Produktivität zu stehen hätten, könnten wir nur deren Sinn und Zweck erfassen, der sich gerade auf den zweiten Blick nicht mehr erschließt. Auch die Figuren atmen mehr die Stille als das Leben, stille leben, alles ist Stillleben. Auch und gerade die kleinen Serien von Arrangements einfacher Vasen und Gefäße spielen mit der stillen Lebendigkeit der Dinge, die doch fürs große Ganze steht. Mal ändert sich nur der Grund, auf dem sie stehen, mal dreht der Portraitist der Dinge den Henkel ein Stück weiter, tauscht ein Glas gegen das andere und schon ist das, was vorher noch gewiss, plötzlich gestört und sorgt für des Betrachters Ungemach und doch zugleich Genuss, denn wie zum Greifen nah ist diese Welt, die dennoch nur gemalte Illusion.
Martin Wernert ist ein ganz Großer seiner Kunst, auch wenn mancher gern nach Vorbildern und Vergleichen sucht. Wir denken an seinen Lehrer Professor Peter Dreher, dem ein einziges Trinkglas zum Abbild des unendlichen Erscheinungsbilds der Welt genügt. Wir denken an Edward Hopper, der in der Magie von Architekturen der Alltagswelt die Leere unserer modernen Welt enthüllt. Wir denken an die Lichtmaler des Barock, an Georges de la Tour und andre Meister. Doch Martin Wernert wäre kein Großer, hätte er nicht alle aufgesogen und dabei noch sein Eigenes entdeckt und alles wieder neu geschaffen. Denn seine Bildwelt lässt sich auch jenseits allen Abbilds lesen. Jedwede kleinste Spiegelung des Lichts auf Wänden, Körpern, Oberflächen steht für den ganzen Kosmos, jede Linie, von anderen begleitet oder nur leicht berührt, steht für die Spannung, die entsteht, wenn die Begegnung naht, Hell-Dunkel-Übergänge, Materialkontraste, Leben gegen Tod, in allen Fasern und Passagen dieser Bilder lässt sich erspüren, was uns Welt bedeutet und was es heißt, vom Dasein sprechen und in Anbetracht vom Dasein wieder Abschied nehmen müssen. Reicher kann man den Betrachter kaum beschenken. Wir fühlen uns beschenkt von diesen Bildern. Lieber Martin Wernert, vielen Dank dafür!