Kontemplation

Ich fühle mich jener Tradition1 von Künstlern angehörig, die eine als magisch erlebte Wirklichkeit in Bilder umzusetzen und zu verdichten sucht. „Magisch“ nenne ich jenes, mit Angst und Hoffnung verbundene Gefühl, daß dieser ebenso grausamen wie schönen Welt, in der wir als Menschen erwachen, etwas Tieferes zugrunde liegen muß. Wir nähern uns diesem Verborgenen allerdings nicht, indem wir seine Erscheinungen sezieren, deformieren oder symbolisch besetzen, sondern indem wir diese immer wieder beschreibend und darstellend umkreisen, ihnen Namen, eine eigene Ordnung, einen persönlichen Sinn geben. Zugleich zu ihnen zu gehören und außerhalb zu stehen, ist dabei das eigentliche Geheimnis. Die Naturwissenschaften und auch die Psychologie, trotz ihrer faszinierenden Einsichten im Einzelnen, scheinen mir im absoluten Sinne nichts zu erklären. Einige ihrer Vertreter sprechen auch davon, daß die Suche immer wieder ins Offene, Unfassbare weist. Zum einen suggerieren die technischen Anwendungen wissenschaftlicher Erkenntnisse prinzipielle Erklär- und Beherrschbarkeit des Wirklichen, zum anderen dienen deren Grenzen als Begründung für eine individuell gestaltete Fluchtbewegung in fundamentalistische Religiosität oder Esoterik. Beides führt zur Instrumentalisierung von Natur und Mensch, vielleicht zu deren Zerstörung. Die primäre Würde des phänomenal Gegebenen, das Erstaunen und der Respekt vor ihm bleiben für mich jedoch unhintergehbar. Ich beharre auf einer Weltanschauung im eigentlichen Wortsinn. Auch weil die zunehmende Ökonomisierung des Natürlichen einhergeht mit der Geringschätzung und Banalisierung des Imaginativen und Schönen. Das „Schöne“ wird zwar seit einiger Zeit wieder rehabilitiert, oft aber mit gefälliger Niedlichkeit oder ästhetischem Kalkül verwechselt. Die Sehnsucht nach ihm und seiner Darstellung ist vielleicht das eigentliche Merkmal des Menschen – jenes Wesens, das sich seiner selbst und seiner Endlichkeit bewusst, zwischen Eros und Thanatos steht – und bedarf keiner weiteren Rechtfertigung. Ebenso wenig wie die artistische Lust an Spiel, Stimmigkeit und eleganter Lösung.
Damit sind für mich die entscheidenden Gründe meines künstlerischen Arbeitens benannt. Stilistisch folgt daraus eine Orientierung zum Realismus (nicht Naturalismus!) hin. Dieser liefert das formale Gerüst, den objektivierenden Fluchtpunkt an einem zwangsläufig subjektiven Erlebnishorizont2.

Meine Maltechnik lehnt sich an die des 15.-17.Jahrhunderts an, bei der die endgültige Farbwirkung erst durch das Übereinanderlegen mehrerer transparenter Farbschichten erreicht wird. Eine größere Farbtiefe und Differenzierung sind so, gegenüber einer reinen „Primamalerei“, möglich. Natürlich sind die Techniken vergangener Zeiten nur noch bedingt nachvollziehbar, es geht mir auch nicht um nostalgische Handwerklichkeit. Qualität und Haltbarkeit meiner Materialien aber sind mir wichtig, da ich möchte, daß meine Bilder möglichst lange so bleiben wie ich sie gemeint habe.


(1) Die römischen Wandmalereien sind die frühesten erhaltenen Zeugnisse dieser Tradition. Greifbar wird sie, zumindest in der Kunst des Abendlandes, erst wieder in der frühen Renaissance, als die Künstler begannen, sich mehr und mehr der Darstellung der äußeren Wirklichkeit zuzuwenden, sie nicht mehr als Vehikel der Illustration eines ikonographisch kodierten Transzendentalen zu gebrauchen, sondern sich ihren ureigenen Herausforderungen zu stellen. Von da an wurde die Darstellung eines heilsgeschichtlichen, historischen oder legendären Geschehens mehr und mehr zum Vorwand, zum Thema, zum Sujet, zum Anlass die äußere Welt abzubilden. Neben Künstlern, die eher zu ausschweifendem Erzählen neigen, stehen jene von großer formaler Strenge und Ernsthaftigkeit. Sie sind es, die das Wirkliche, als das im Tageslicht Erscheinende, eher meditieren, als mediatisieren. Um einige Namen bis in unsere Tage hinein zu nennen: P.d.Francesca, Masaccio, Mantegna, Leonardo d.V., Caravagio, Vermeer, Poussin, G.d.Tour, Chardin, C.D. Friedrich, Seurat, E.Hopper, Balthus, L.Freud.
(2) Das Spannungs- und Kraftfeld zwischen den Polen objektiv/subjektiv ist m. E. eine der wenigen echten Konstanten in der Kunst der Neuzeit. Die Auseinandersetzung mit der etwas unscharfen Begrifflichkeit von „Form“ und „Inhalt“ kann dabei zu erkenntnisfördernden Ausflügen an die Ränder dieses Feldes führen, aber auch zu Plattheiten des Expliziten.