TEXTE ZU MEINER ARBEIT:

 

MARTIN OSWALD: Rede zur Eröffnung der Ausstellung "DASEIN" in Engen 2015.

ARNOLD STADLER: Stills und Stilleben vom Bleibenwollen / Zu Martin Wernert

FERDINAND MESSNER: Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung "Martin Wernert - Malerei und Zeichnung" am 20.3.97 in der Galerie "Zur Alten Linde", Obereschach.

HEIDRUN BUCHER-SCHLICHTENBERGER: Ausstellungseröffnung "Martin Wernert - Malerei und Zeichnung" im RWSforum, Frommern, 2006.

MARTIN MÄNTELE: Rede zur Eröffnung der Ausstellung "Martin Wernert - Malerei und Zeichnung" in der Galerie im Torhaus, Leutkirch, 2006.

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MARTIN OSWALD:

Rede zur Eröffnung der Ausstellung "DASEIN" in Engen 2015


Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Frau Sonntag, geschätzte Freunde der Stubengesellschaft, liebe Kunstfreunde, lieber Martin Wernert.

Es ist mir eine Ehre, dass Sie mir das Vertrauen schenken, zu einer Kunst sprechen zu dürfen, in deren geradezu unheimlicher, kraftvoller Stille der Schriftsteller Arnold Stadler (2009) ein sehr existentielles – dieser Ausstellung titelgebendes - Momentum unseres Daseins entdeckt hat, das uns in einprägsamen Bildern eine "Vorstellung von Zeit, von Dauer und Währen und Bestandhaben" liefert, das uns erahnen lässt, wie "kurz das Leben ist, und aus wie wenigen Dingen die Welt und der Mensch besteht", das in wohl gesetzten Perspektiven Schlaglichter wirft aufs eigne Dasein und das, was es umgibt, umflort zugleich von jener Wehmut, die allem Dasein und der unerfüllten Illusion, es niemals aufzugeben, innewohnt.

Ich entführe Sie zunächst dorthin, wo diese Kunst entsteht. Wer Martin Wernerts Atelier besucht, betritt einen magischen Ort. Ein altes rotziegeliges Industriegbeäude, das schon bessere Tage gesehen hat, dessen Funktion sich für den Fremden nicht sofort erschließt, wenn es überhaupt noch eine hat. Der Weg dahin führt durch ein angelehntes Zauntor über einen schmalen Pfad nebst einer nur selten noch gemähten Wiese. Neben einer schweren Tür aus graugestrichnem Holz die Klingel, oben, drei Stockwerk höher geht ein Fenster, dort lebt der Künstler als einziger Bewohner eines betagten Labyrinths, wo Martin Wernert sich ganz oben eingerichtet hat. In einem großen Raum das Atelier, alte Tische, Staffleien, das Bett, ein riesiges Bücherregal teilt die Bereiche, Wernert ist nicht nur Maler, sondern auch notorischer Leser mit einer hohen Affinität zur zeitgenössischen Musik. Er selbst spielt Schlagzeug auf hohem Niveau. Es ist Abend, und ab und an huschen Lichtkegel vorbeifahrender Autos über die Wände der alten Kartonfabrik. Im Halbdunkel ruhen antiquierte Maschinen aus schwerem Guß, bis heute im Dienst, unendlich haltbar, Monumente ihrer selbst, doch ihre Zeit scheint abgelaufen, wie vieles hier, was uns umgibt. Das Haus wäre eigentlich der typische Ort für einen Künstler in Berlin, wo der 1965 in Messkirch geborene Martin Wernert phasenweise wohnte, doch bald das Weite suchte, fliehend der selbstverliebten Stadt, die Bedeutung oft nur spielt, sich Großes anmaßt, ohne es zu sein. Wernerts Klause weitab davon, sie steht in Trossingen, wie Kafkas Schloss als Solitär befremdlich mitten im Herzen einer kleinen Stadt. Ein Ort der Ruhe wohl. Wer solche Bilder malt, wie Martin Wernert, der braucht Ruhe, zum Nachdenken, zum Malen, beides Synonyme für sein Tun. Die Bilder sind so magisch wie der Ort, wo sie entstehen, der Raum selbst ist die Kulisse seiner Bilderwelt, und wer ihn betritt, betritt zugleich die Welt der Bilder. Bild und Abbild, Erfindung und Wahrheit, Hier und Dort, fließen unmerklich ineinander, Dank eines Malers, der die Welt mehr schaut als andere und ihnen davon zeigt, was sie sonst flüchtig übersehen. Fabrikfensterblicke, der neblichte Schimmer von Straßenlaternen, die Schattenwürfe alter Fensterkreuze, schwereisernes Gerät aus anderen Zeiten. Der Künstler, infiziert vom Ort, schafft Arrangements von Personen und Objekten, sie wollen entschlüsselt sein, und doch entziehen sie sich letzter Deutung. Nicht selten treffen wir zweimal auf dieselbe Gestalt im Bild, eine Frau, die ihrem Alter Ego begegnet, eine nachdenkliche Haltung evozierend, ein Nachdenken über die Welt, das Leben, die Vergänglichkeit, den Tod. Martin Wernerts Memento-Mori-Malerei schichtet in altmeisterlichen Lasuren Fragen über Fragen an eine brillant erfasste Wirklichkeit, hinter derem Schein der Anschein mehr verhüllt als preisgibt. Unendliche Variationen der Frage nach dem Sein. Irgendwie verloren wirken sie da, die Frauen zwischen Apparaturen und Geräten, die doch eigentlich für Rationaliät, Organisation und Produktivität zu stehen hätten, könnten wir nur deren Sinn und Zweck erfassen, der sich gerade auf den zweiten Blick nicht mehr erschließt. Auch die Figuren atmen mehr die Stille als das Leben, stille leben, alles ist Stillleben. Auch und gerade die kleinen Serien von Arrangements einfacher Vasen und Gefäße spielen mit der stillen Lebendigkeit der Dinge, die doch fürs große Ganze steht. Mal ändert sich nur der Grund, auf dem sie stehen, mal dreht der Portraitist der Dinge den Henkel ein Stück weiter, tauscht ein Glas gegen das andere und schon ist das, was vorher noch gewiss, plötzlich gestört und sorgt für des Betrachters Ungemach und doch zugleich Genuss, denn wie zum Greifen nah ist diese Welt, die dennoch nur gemalte Illusion.

Martin Wernert ist ein ganz großer seiner Kunst, auch wenn mancher gern nach Vorbildern und Vergleichen sucht. Wir denken an seinen Lehrer Professor Peter Dreher, dem ein einziges Trinkglas zum Abbild des unendlichen Erscheinungsbilds der Welt genügt. Wir denken an Edward Hopper, der in der Magie von Architekturen der Alltagswelt die Leere unserer modernen Welt enthüllt. Wir denken an die Lichtmaler des Barock, an Georges de la Tour und andre Meister. Doch Martin Wernert wäre kein Großer, hätte er nicht alle aufgesogen und dabei noch sein Eigenes entdeckt und alles wieder neu geschaffen. Denn seine Bildwelt lässt sich auch jenseits allen Abbilds lesen. Jedwede kleinste Spiegelung des Lichts auf Wänden, Körpern, Oberflächen steht für den ganzen Kosmos, jede Linie, von anderen begleitet oder nur leicht berührt, steht für die Spannung, die entsteht, wenn die Begegnung naht, Hell-Dunkel-Übergänge, Materialkontraste, Leben gegen Tod, in allen Fasern und Passagen dieser Bilder lässt sich erspüren, was uns Welt bedeutet und was es heißt, vom Dasein sprechen und in Anbetracht vom Dasein wieder Abschied nehmen müssen. Reicher kann man den Betrachter kaum beschenken. Wir fühlen uns beschenkt von diesen Bildern. Lieber Martin Wernert, vielen Dank dafür!

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ARNOLD STADLER

Stills und Stilleben vom Bleibenwollen
Zu Martin Wernert


Ich kannte noch Menschen, die lebten ohne Fernseher. Es gibt sie wohl immer noch.
Wir leben in einer Welt, einer Welt der Bilder, Fernsehbilder, es herrscht eine irrsinnige Mobilität, eine undurchschaubare.
Der Mensch will bleiben, aber er muß gehen. Daher vielleicht dieser Bewegungstumult.
Es ist ein rasender Stillstand. Ein Bild nach dem anderen.
Diese Bilder, Stilleben von Martin Wernert, sind zu denken auf der Folie von tausend Kanälen in tausendstel Sekundenintervallen ein Bild nach dem anderen liefern, und sie sagen mir auch: So nicht.
Jede neue Technik evozierte ein Überdenken und eine neue Kunst.
Am sichtbarsten und einleuchtendsten vielleicht durch die Erfindung der Photographie. (Vorher schon setzten sie die Mittel ein).
Längst gibt es die Video-Kunst, eine Reaktion auf den rasenden Stillstand der Fernsehwelt.

Die große Zäsur im Leben der Malereigeschichte dürfte die Erfindung der Photographie, die eigentlich, wie alles Große, eine Entdeckung ist, gewesen sein.
Die Maler und Künstler aller Zeiten mußten auf ihre Zeit reagieren, und sie taten es.
Ganz besonders auf die Entdeckung der Photographie.
Ein Photo ist auch Stilleben.
Das alles kennt und weiß Martin Wernert. – Und daher malt er, wie er malt. Ja, er malt. Stilleben. Und wie.

Der ganze Tumult der bewegten Bilderwelt: Dem allem hält ein einziges Stilleben von Martin Wernert stand, es ist hingemalt wie das Gedicht >Erschütterer Anemone< die der Dichter Gottfried Benn dem Menschen >schweigend hingesät< sah. So etwas ist ein Stilleben, all dem Bewegungswahnsinn, dem vielleicht sogar die Angst vor dem Tod zugrunde liegt, entgegengemalt, damit es bleibt. Denn dem Bleiben setzen diese Stilleben ein Denkmal. Oder nicht?
Diese Bilder zeigen etwas, aber sie verbergen auch etwas. Sie sind dunkel und hell. Sie halten etwas fest und rücken es uns ins rechte Licht. Sie heben etwas auf.

Der chinesische Außenminister Tschu En Lai sagte einst, das war lange nach dem Zweiten Weltkrieg, zur Französischen Revolution befragt: Es ist noch zu früh, etwas über die Französische Revolution zu sagen. Da mag es um Weltgeschichte gegangen sein.

Ich will aber doch, in der Gegenwart solcher Bilder etwas sagen. Doch was sagen? Die Sprache wird immer an den Bildern scheitern. Einfach zu sagen: >Schön<, ein Wort, das mir unbedingt einfällt beim Sehen, genügt ja nicht. Und doch möchte ich gerade dies sagen.
Der Name Martin Wernert ist auch ein anderer als Tschu En Lai und das Wort Revolution passt nicht zum Wort >Stilleben<, Revolution also nicht. Ganz im Gegenteil. Wohl aber die Vorstellung von >Zeit<, von Dauer und Währen und Bestandhaben, denn es scheint immer schon da zu sein, was ich da sehe.

So ein Bild scheint etwas ganz Einfaches zu sein, scheint einfach da zu sein, während die Zeit ausgeschaltet ist, wie auch der Rest der Welt nicht da ist, und schon gar nicht der gewaltsame Teil. Zwar gibt es auch solche Stilleben, alte, die einen ausblutenden Fasan zeigen, Hühner, die nun drapiert sind, um gefressen zu werden, aber so sind diese Bilder von Martin Wernert nicht.
Und doch kann man Angst bekommen, wenn ich sehe, was da ist, je länger ich hinsehe.

Wie kurz das Leben ist, und aus wie wenigen Dingen die Welt und der Mensch bestehen, das zeigen mir diese Bilder, als wollten sie mir den Meister zeigen, und sie tun es ja: Das ist alles, sagt mir Bild für Bild. Und noch einen Schritt weiter: >Das bist du<. Ja, so seltsame, unverhoffte Portraits von dem, was wir sind, und was uns ausmacht, können solche Stilleben sein.
>Es gibt< - das ist der Gedanke, der sich beim Betrachten eines Stillebens, gerade eines solchen, einstellt.
>Einfach so< --- >und doch<! Das scheint die Sprache dieser Bilder zu sein.
Ein Stilleben hat die Kraft des Stillen --- und es kann sich zwischen so einem Bild und solchen zwei Augen etwas ergeben, an das sich der Mensch erinnern kann.
Es ist so wenig, und so viel.
Diese Bilder haben mit dem Bleibenwollen zu tun.
Man nannte es Stilleben. – und ich weiß nicht, warum. Eigentlich ist ein solches Wort, dieses, ein Widerspruch.
Vielleicht, weil man die Dinge, die auf einem solchen Bild zu sehen waren, einst für tot hielt?
Aber sie und die Welt dahinter leben doch! Das sehe ich doch! --- >Sähet ihr es nicht??<
Vielleicht ist das Wort >Stilleben< für ein Bild eine Tautologie. Jedes Bild ist doch im Grunde ein Stilleben, denn sprechen tun alle Bilder nur metaphorisch. Aber dies, je mehr ein Bild ein Bild ist, ganz intensiv.
Es ist eine unheimliche Stille um alle Bilder dieser Welt.
Und erst um diese Bilder von Martin Wernert. Aber kaum sah ich sie, sagten sie mir auch
schon etwas, ja, sie begannen zu sprechen. Schau! – Sieh dir das an! --- Wir sind die Zeugen. Käme dereinst einer von einem anderen Stern und es wäre ein Mensch und hätte Augen, dann könnte er Bilder wie diese sehen. Sie sagten ihm: Da war einer, der Zeugnis davon geben wollte, daß es ihn gegeben hat, und was er gesehen hatte, und wie er das zeigen konnte. Doch heute schon mir. Diese Bilder sprechen. Sie sagen mir:
Der Mensch will bleiben. Aber er muß gehen. --- das sagen sie mir, aufs schönste.

Dieser Text ist der Broschüre entnommen, welche zur Ausstellung "Die Ordnung der Dinge" im Klinikum Schwenningen 2009 erschienen ist. Sie kann gegen eine Schutzgebühr von € 4,- beim Künstler bestellt werden (16 Seiten,12 farbige Abbildungen)

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FERDINAND MESSNER

Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung "Martin Wernert - Malerei und Zeichnung" am 20.3.97 in Galerie "Zur Alten Linde", Obereschach.


I

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste!

An Stelle von Antonia Reichmann, die leider erkrankt ist, werde ich Sie heute Abend in das malerische und zeichnerische Werk von Martin Wernert anhand seiner hier in der Galerie "Zur Alten Linde" bis zum 2. Mai ausgestellten Werke einführen. Dabei möchte ich meinen Vortrag in drei Abschnitte gliedern: Ausgehend von einigen Reflexionen zu den Möglichkeiten und Grenzen von Kunstinterpretation im allgemeinen werde ich auf die Begriffe "Realismus" und "Postmoderne" eingehen, die – wie ich meine – f ür ein Verständnis der Bilder von Martin Wemert von zentraler Bedeutung sind.


II

Das gängige kunsthistorische lnterpretationsschema, auf das ich mich im folgenden berufen werde, besteht aus vier Schritten, die sich zwar qualitativ voneinander unterscheiden, aber dennoch notwendig voneinander abhängen: Am Beginn jeder Auseinandersetzung – nicht nur mit Kunst, sondern mit jedem Teil unserer Umgebung – steht die empirische Wahrnehmung von Dingen – in diesem Fall der Bilder und deren bildinternen Elemente. Die Erfahrung und Beschreibung einzelner Ausschnitte der Wirklichkeit bildet zwar die notwendige Voraussetzung jeglichen Denkens und Handelns, von Interpretation als eines In-Beziehung-Setzens und reflexiven Deutens kann jedoch erst da sinnvoll gesprochen werden, wo einzelne Wahrnehmungen in einen umfassenden Zusammenhang eingereiht und somit verstanden werden. Erwin Panofsky unterschied in diesem Zusammenhang zwischen "Stilgeschichte", "Ikonographie" und "Ikonologie". Der Kunsthistoriker ist demzufolge entsprechend seiner eigenen Wissenschaftsdefinition in der Lage, ein bestimmtes Kunstwerk einer übergeordneten Stilrichtung zuzuordnen, deren Merkmale ebenso für andere Kunstwerke zutreffen, ein Motiv vor dem Hintergrund kultureller Zeichenbildung zu identifizieren und sogar Einsicht in die Art und Weise zu gewinnen, wie unter wechselnden gesellschaftlichen Bedingungen Kunstwerke als Symbole von Weltanschauungen entstehen. Was der Kunstgeschichtsschreibung jedoch per definitionem versagt bleibt, ist die Bestimmung und zugleich das Hinterfragen abstrakter Begriffe wie "Stilrichtung", "Kunst" und "Erkennen". Der Kunsthistoriker kann zwar subsumieren, aber nicht bestimmen, was in welcher Weise subsumiert wird. Letzteres obliegt allein dem Philosophen und daher abschließend noch zwei für den weiteren Verlauf unabdingbare philosophische Überlegungen: Picasso hat einma sinngemäß auf die Frage nach der konkreten Bedeutung seiner Werke geantwortet: "Wenn ich sagen könnte, was meine Bilder bedeuten, wäre ich Schriftsteller geworden und nicht Maler". Diese Äußerung besitzt insofern Plausibilität, als Bild und Wort zwei unterschiedliche Wirklichkeiten darstellen, die nicht einfach miteinander übereinstimmen und somit nur bedingt kompatibel sind. Andererseits bedarf die bildende Kunst der Auslegung in Form des menschlichen Denkens sowie deren Kommunikation – beides sind Vollzüge, die der Sprache bedürfen. Die empiristische Einsicht, daß etwas nur besteht, wenn es von jemandem wahrgenommen und somit interpretiert wird, hat nach wie vor bestand. Die Wahrnehmung und Interpretation darf sich m.E. jedoch nicht allein auf das subjektive Empfinden beschränken, wie dies gegenwärtig sowohl von Wissenschaftlern als auch von Laien gefordert wird. Das Wesen der Kunst besteht vielmehr darin, Anreize zu intersubjektiver Diskussion und gesellschaftlicher Veränderung zu geben – nicht im Sinne einer dogmatischen Lehre, sondern einer freien Einsicht in Grundbefindlichkeiten unseres Daseins. Hierzu möchte ich durch meinen Vortrag meinen Teil beitragen.

III

Martin Wernert wurde 1965 in Meßkirch geboren und studierte von 1983-1988 Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe/Außenstelle Freiburg bei Professor Peter Dreher. Seit 1992 lebt und arbeitet Martin Wernert in Trossingen. Seine großformatigen Ölgemälde und Kohlezeichnungen sind auf den ersten Blick einfach zu beschreiben: Sie sind gegenständlich, realistisch, zeigen konkrete, wiedererkennbare Bildinhalte und einheitliche Motive. Bei den abgebildeten Figuren handelt es sich durchweg um junge Frauen, die zumeist in einem eng begrenzten Raum gezeigt werden, der sich über ein Fenster, das als primäre Lichtquelle dient, nach außen öffnet. Bei der Aufzählung dieser Elemente fühlt man sich unweigerlich an die Interieur-Malerei des Barock erinnert, insbesondere an Vermeer, der zweifellos zu den großen Vorbildern Wernerts zählt. Doch dann stellt sich die Frage, was solche Bilder, detailgenau und mit großem Aufwand in Lasurtechnik gemalt, in der heutigen Zeit zu suchen haben, die nach dem Aufbruch der abstrakten Malerei zu Beginn des Jahrhunderts in subjektiven Gesten und unüberschaubaren Pluralismen von "Computerkunst" bis zu "Concept Art" schwelgt, welcher Stilrichtung und welchem Selbstverständnis sie zuzuordnen sind – oder sind wir hier doch nur mit dem Epigonentum eines ewig Gestrigen konfrontiert? Bei genauerer Betrachtung beginnt die Kategorisierung "Realismus" zu bröckeln. Was heißt eigentlich Realismus? Zunächst einmal die objektive Wiedergabe oder zumindest die Annäherung an die uns umgebenden Wirklichkeiten. Dies trifft zwar einerseits auf die Kunst von Martin Wernert zu, indem Gegenstände und Personen naturgetreu, beinahe fotografisch durch den Künstler abgebildet werden. Andererseits offenbaren sich nach einer längeren Einfühlungs- und Annäherungsphase des Rezipienten, die im übrigen als durchaus gewollter visueller Lernprozeß bezeichnet werden kann, zunehmend Unstimmigkeiten, Provokationen und Brüche dieses Idealbildes – Dinge, die auch innerhalb der Frührenaissance-Malerei feststellbar sind, etwa bei Piero della Francesca oder Paolo Uccello. Im Gegensatz zu diesen am Übergang vom symbolischen zum perspektivischen Denken stehenden Künstlern setzt Martin Wemert das Stilmittel der Relativierung räumlicher und naturalistischer Eindrücke jedoch ganz bewußt ein. So erscheint beispielsweise auf mehreren er hier gezeigten Exponate dieselbe Person doppelt, in unterschiedlichen Zuständen und Bekleidungen – ein Kunstgriff, der unseren Erfahrungen widerspricht. Auch andere Methoden wie Gegenlichtdarstellung, ungewöhnliche Bildausschnitte, Betonung flächig abstrakter Bildteile oder Einfügen von Bildschleiern durch Zugabe von Sand erzeugen Spannung zwischen Gewohntem und Ungewohntem, realistischer Annäherung an die Wirklichkeit und abstrahierender Komposition, Räumlichkeit und autonomer Verselbständigung einzelner Bildteile - eine Spannung, die die Werke Martin Wernerts charakterisiert und seine Zugehörigkeit zur postmodernen Malerei begründet.

 

IV

Was unter dem Begriff "Postmoderne" zu verstehen ist, ergibt sich einerseits durch die Nennung dessen Charakteristika, andererseits durch die Abgrenzung vom Gegenbegriff "Moderne". Der Begriff "Moderne" kennzeichnet die Kultur unseres Jahrhunderts wie andere Epochen plakativ mit "Mittelalter","Renaissance" oder "Barock" umschrieben werden. Doch was ist – zumindest in der bildenden Kunst darunter zu verstehen? Die Moderne, die innerhalb der Malerei bereits mit "Impressionismus" und "Postimpressionismus" beginnt und mit der völligen Abstraktion bei Kandinsky ihren ersten Höhepunkt erreicht, der durch Malewitschs "Schwarzes Quadrat" und Duchamps "Ready mades" radikalisiert und von Beuys in seinem erweiterten Kunstbegriff zu Ende gedacht wird, verfolgte weltanschauliche Ziele, die Heinrich Klotz wie folgt umreißt: Anspruch auf Selbstbegründung, Entgrenzung von Kunst und Leben, Abschaffung der Fiktion. Die Abstraktion als Hauptstrom der modernen Kunst löste sich – zumindest vordergründig – von allen übergeordneten ideologischen Inhalten und sogar vom Gegenstand, indem sie sich weigerte, diesen abzubilden und allein die subjektive Komposition von Farben und Formen beschwor. Die gegenständlich perspektivische Malerei wurde strikt abgelehnt, weil dadurch angeblich eine kunstinterne Pseudowirklichkeit geschaffen wird, die nicht dem Autonomieanspruch von Künstler und Betrachter entspricht. Durch die Ablehnung des Fiktiven als angeblich objektiver Realität sollte gleichzeitig die Auflösung der Kunst im Leben sichergestellt werden. Postmodeme Künstler wie Martin Wemert widersprechen nun der Modeme, die durch ihre unbedingte Ablehnung von Dogmen selbst zur Ideologie wurde, in mehreren Punkten. Zum einen aus rein pragmatischen Gründen, weil nach dem absoluten Endpunkt der Auflösung von Kunst im Leben kein anderer Weg als die Rückbesinnung auf historische Formen der Malerei möglich erscheint, andererseits aber aus der Überzeugung und der Gelassenheit heraus, daß die Grabenkämpfe zwischen Abstraktion und Realismus der Vergangenheit angehören und nur zu unfruchtbaren Einseitigkeiten führen können. In diesem Sinne hat die Postmodeme die Modeme auch nicht einfach erledigt, sondern versucht durchaus, die Errungenschaften der Abstraktion zu integrieren. Diese produktive Spannung zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit zeigt sich bei den Werken von Martin Wemert zum einen in den oben bereits beschriebenen formalen Kriterien, m.E. jedoch noch deutlicher über deren Grundstimmung: Vergleichbar mit den bekannten Glasserien seines Lehrers Peter Dreher sind seine Bilder meditativ. Sie haben keine bestimmte Botschaft, kein inhaltliches Thema, das den Akt des reinen Schauens stören würde, was im übrigen auch durch die für eine gegenständliches Bild ungewöhnliche Bezeichnung "ohne Titel" zum Ausdruck kommt, ja nicht einmal die gezeigten Personen nehmen aufgrund ihres mangelnden portraithaften Charakters oder der fehlenden direkten Kontaktaufnahme zum Betrachter eine konkrete Deutung voraus. Sie ruhen vielmehr in sich selbst, wie Objekte neben anderen Objekten, während die Gesamtkomposition des jeweiligen Werks im Vordergrund steht. All dies sind jedoch genuine Errungenschaften der abstrakten Malerei, die Wernert geschickt in seine gegenständliche Malerei integriert, ohne dabei einen wichtigen Pol der Kunst, nämlich deren Fiktionalität zu vernachlässigen. Gerade darin besteht seine künstlerische Bedeutung und seine Aktualität.

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HEIDRUN BUCHER-SCHLICHTENBERGER:

Ausstellungseröffnung "Martin Wernert - Malerei und Zeichnung"
im RWSforum, Frommern, 2006.


Sehr geehrter Herr Wernert, verehrtes Gastgeberehepaar Schlegel, liebe Kunstfreunde,

„Wie lange ist ein Monat?“ Über diese Frage räsoniert Raimund Gregorius, ein Altphilologe, der einer plötzlichen Eingebung folgend sein ganzes Leben umgekrempelt hat, im Bestsellerbuch „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier alias Peter Bieri. Selbstverständlich interessieren ihn dabei nicht die mathematisch zu errechnenden Stunden, Minuten oder Sekunden, sondern das Maximum an gelebter Zeit, das ein Monat einem Menschen bieten kann. Sie fragen sich nun bestimmt, was hat nun diese Betrachtung mit der Kunst Martin Wernerts zu tun. Eine ganze Menge, wie sie noch sehen werden. Denn Zeit,  Raum, der Mensch und Fragen menschlicher Existenz sind integrative Bestandteile von Wernerts Bilderwelt.
Wie geht es Ihnen, wenn sie Martin Wernerts Frauen betrachten? Sie sind jung, schön, rätselhaft, melancholisch und allein. Martin Wernert macht die Einsamkeit und Introvertiertheit zum großen Thema seiner Arbeit. Seine weiblichen Figuren scheinen nichts weiter zu tun, als Innezuhalten und sich selbst dem unaufhaltsamen Verströmen der Zeit zu überlassen. Auf diese Weise bietet die Kunst Martin Wernerts  dem Zeitgeist Paroli, der uns permanent bewusst macht, dass Zeit Geld ist und Stillstand Rückstand. Kommen wir auf den Raum zu sprechen, die nächste Konstante in Wernerts Arbeiten. Das Ambiente in dem der Künstler seine Frauen präsentiert ist nicht der öffentliche Raum, sondern eher die häuslich vertraute Umgebung, wodurch die Intimität gesteigert wird. Der Betrachter wird nahezu unfreiwillig zum Voyeur gemacht. Es sind reale Räume, die von Martin Wernert zu erleuchteten Bühnen für das Schauspiel des Lebens deklariert werden. Sein Realismusbegriff geht somit über die pure Abbildung der äußeren Wirklichkeit hinaus. Er schafft eine narrative Offenheit, die bei den Betrachtern eigene Assoziationen freisetzt. Seine Bilder wecken Neugier. Was mag sich wohl vor der Szene abgespielt haben? Diese Momentaufnahmen existentieller Einsamkeit scheinen dem Film Noir zu entspringen. Der Betrachter hat den Eindruck, als ob der Film dessen Anfang und Ende er nicht kennt, plötzlich angehalten worden wäre und ihm nun völlig aus dem Zusammenhang heraus dieses eine Standbild offeriert wird. Indem Martin Wernert den Betracht er mit einer punktuellen Szenerie konfrontiert, fordert er ihn zum Nachdenken heraus. Seine sinnenden Frauen werfen Fragen der menschlichen Existenz auf. Sie sind so sehr mit sich beschäftigt, dass Sie analog dazu  beim Betrachter ein regelrechtes Nachdenken über sich selbst provozieren. Der Maler thematisiert die Vereinsamung des Menschen in unserer modernen Gesellschaft, er zeigt die Sprachlosigkeit der Betroffenen.
Seine Frauen sind stumme Zeugen dieses Protests.  Manche von Ihnen nehmen Blickkontakt mit dem Betrachter auf, und fordern diesen auf Stellung zu beziehen.  Dennoch wäre es zu eindimensional, wollte man Martin Wernert nur auf diesen gesellschaftsrelevanten Aspekt festlegen. Wie Edward Hopper, zu dessen Werk es eine unübersehbare Affinität gibt, ist artin Wernert „ein sentimentaler Romantiker, aber eben gefiltert durch Freud“ (so Christoph Müller über Edward Hopper). Seine Malerei zeugt von einer tiefen Skepsis gegenüber der zeitgenössischen Kunst, einer Kunst, in der der Realismus, die Bild-Ästhetik und die Transparenz des handwerklichen Könnens lange Zeit eine unterbewertete Rolle spielte. Martin Wernerts Kompositionen beruhen auf formaler Strenge, durchdachter Bildorganisation und dramaturgischer Lichtregie. Auf diese Weise dringt er bis in die Bereiche der Fotografie ein. Er ist ein Könner der alten Schicht- und Lasurtechnik und versteht es so Gegenstände fotografisch genau abzubilden. Er überzeugt durch sein faszinierendes Spiel mit Licht und Schattenreflexen auf der Oberfläche von Gegenständen, im Schattenwurf einer Tischdecke oder bei der Beleuchtung von Körperpartien. Er liebt die Inszenierung und entführt den Betrachter in eine magisch durchstrahlte Dingwelt, in der Realität und Magie eine untrennbare Symbiose eingegangen sind.
Martin Wernerts Kunst nährt sich von Kenntnissen der Hell-Dunkel- Malerei eines Rembrandts ebenso wie von der altmeisterlichen Schicht- und Lasurmalerei, die von Otto Dix an der Dresdner Akademie zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts wieder belebt wurde. Die täuschend echte Wiedergabe von Porzellan, Glas, Obst oder des Inkarnats bezeugt seine Meisterschaft. Um diese Transparenz zu erreichen, erfolgt zunächst eine flächige monochrome Untermalung mit Tempera. Der Unterbau wird dann mit Ölharzfarbe Schicht um Schicht weiter ausdifferenziert. Diese besondere Lasurtechnik mit der transparenten Überlagerung von Malschichten ist charakteristisch für Wernerts Werk. Selbstredend, dass es sich bei dieser Methode um eine sehr arbeits- und zeitintensive Maltechnik handelt. Martin Wernerts Œuvre bleibt damit überschaubar. Eine inflationäre Bilderproduktion ist nach dieser Technik schlichtweg nicht möglich, wodurch sich der Wert eines jeden Werkes erhöht. Ein besonderes Anliegen des Künstlers ist auch die Rehabilitati on des Begriffs der Schönheit in der Kunst,  wobei er ausdrücklich darauf hinweist, dass dies nicht mit „gefälliger Niedlichkeit oder ästhetischem Kalkül“ verwechselt werden darf. Über den ästhetischen Wert eines Kunstobjekts (aísthesis: Wahrnehmung) entscheiden nicht die Begriffe „schön“ und „hässlich“, sondern die Art und Weise der Sinnlichkeit und der Kommunikation zwischen Werk und Betrachter.

Martin Wernert hat seinen großen Bildern oft Titel gegeben, die eine zusätzliche Bedeutungsebene ansprechen. „ëi-zo“ ist japanisch und bedeutet Spiegelung, Reflexion, auch Nachsinnen über sich selbst. Der Spiegel spielt auch im Gedicht „Die Lady von Shalott“ von Alfred Lord Tennyson eine prominente Rolle. Die Lady von Shalott, eine geheimnisvolle Frau, betrachtet die Realität durch einen Spiegel. In diesem Zusammenhang fällt dann der Satz “I am half sick of shadows“ (ich bin halb krank von den Schattenbildern). Nach dem griechischen Philosophen Plato erfahren wir die Welt wie eine Person die im Innern einer Höhle gefangen ist und nicht hinaussehen kann. Das Einzige, was sie wahrnehmen kann, sind die Schattenbilder von Personen, die draußen an der Höhle vorbeigehen und die sich an den Höhlenwänden abzeichnen. Diese Bilder werden dann für die Wirklichkeit gehalten. In Martin Wernerts Arbeiten schwingt dieser philosophische Diskurs mit. Was ist Realität und was Imagination?    
Er selbst bekennt: „Ich sehe mich jener Tradition von Malern angehörig, die eine als magisch erlebte Wirklichkeit in Bilder umsetzen und zu verdichten sucht; als Fremder aufwachend in einer unbegreiflichen Welt, deren Bewohner (...) häufig das primäre Erstaunen am phänomenal Gegebenen verlernt haben“ Die " Alcyonischen Tage“ sind den Metamorphosen des Ovid entnommen. Alcyone, die Frau von König Ceyx, wartet und betet für ihren Mann, der über das Meer gefahren ist, um das Orakel von Claros zu befragen. Doch Ceyx kommt um. Die Göttin Juno kann die vergeblichen Fürbitten der Alcyone nicht mehr ertragen und schickt Somnus, den 1000farbigen Schleier. Im Schlaf erscheint ihr Morpheus in Gestalt des Ceyx und berichtet von dessen Tod. Die Götter erbarmen sich Beider. Ceyx und Alcyone dürfen ihre Ehe als Eisvögel fortsetzen. Martin Wernert beabsichtigt mit seiner Titelvergabe keine Illustration des literarischen Textes, wohl aber gibt es Hinweise: der Eisvogel, Symbol der Liebe,  Alcyone in erstarrter Haltung, Blumen, die zu Boden fallen und somit welken. In diesem Gemälde spielen Eros und Thanatos, Liebe und Tod die Hauptrollen. „Orplid“ ist eine Schöpfung von Eduard Mörike. Es ist für ihn das wirkliche und unwirkliche Reich seiner Einbildungskraft, Paradies, Atlantis und Arkadien in einem.  „Du bist Orplid, mein Land“, schreibt Mörike und meint damit die Insel der Seele, die verlorene Heimstatt des Menschen. Auch Martin Wernerts Werk ist ein einziges Postulat, die Magie, die Schönheit, Zeit und Raum, das Mensch sein an sich, die eigene Identität, wahrzunehmen und neu und bewusst zu erleben.

Zum Schluss meiner Rede möchte ich Ihnen gerne ein Goethe- Zitat mit auf Ihren Ausstellungsrundgang mitgeben. Der zuvor schon erwähnte amerikanische Maler Edward Hopper, ein künstlerischer Vorfahre Wernerts sozusagen, trug dieses Zitat immer auf einem kleinen Zettel bei sich. „Schau hin bis zur Faszination. Vertraue darauf, dass Du etwas sehen wirst. Wenn du lernst zu warten, dann werden die Dinge langsam in Dein Bewusstsein sinken und sie werden eine Bedeutung erlangen, die in Farbe und Gefühl aufgewogen werden kann.“

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MARTIN MÄNTELE

Rede zur Eröffnung der Ausstellung "Martin Wernert - Malerei und Zeichnung" in der
Galerie im Torhaus, Leutkirch, 2006.


Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Martin Wernert,


Das Werk des 1965 geborenen Malers ist nicht klein, aber überschaubar, sodass angesichts einer Zahl von rund 30 Gemälden, die zwischen 1995 und heute entstanden sind, schon beinahe von einer Retrospektive gesprochen werden könnte. Retrospektiv möchte ich allerdings nicht werden, vielmehr gilt es, die Zeitgenossenschaft Martin Wernerts zu kennzeichnen, der mit seiner Malweise, seinen Themen, Sujets, Motiven und auch mit seinem Auftreten von allen zeitgenössischen Gebräuchen eines sich mehr und mehr selbst bespiegelnden Kunstbetriebs abhebt.

Martin Wernert, in Meßkirch geboren, studierte in Freiburg in der Klasse von Peter Dreher Freie Malerei. Er lebt und arbeitet seit Jahren in Trossingen, vor einiger Zeit bezog er ein weiteres Atelier in Berlin. Die Ausstellung in der Galerie im Torhaus präsentiert eine Auswahl von Bildern, die ein gemeinsames Thema haben. Auf allen Gemälden finden sich Frauen, die noch sehr jung erscheinen. Sie sitzen oder stehen, allein oder zu zweit, in Innenräumen, nur ein Werk zeigt zwei Aktfiguren im Außenraum. Der Maltechnik ist traditionell. Das heißt Martin Wernert arbeitet in einer Lasurtechnik, die Schicht um Schicht das Bild aufbaut. Das braucht Zeit und erfordert Konzentration beim Malen, da der Vorgang nicht emotional, sondern kontrolliert abläuft. Die Vorstudien zu seinen Bildern führt er in der Größe des Originals, also 1: 1 aus. Unterzieht sich heute ein Maler der Mühe, dem Betrachter einen Gegenstand in seiner dreidimensionalen Erscheinung auf einer zweidimensionalen Bildfläche zu zeigen, er also einen Gegenstand malt und eben nicht fotografiert, so kommt dieser Tatsache doch eine besondere Bedeutung zu. Es stellt sich die Frage, wieso macht der Künstler das, was zeigt er uns da eigentlich und auf welche Weise stellt er den Gegenstand dar? Die Beantwortung dieser Fragen sollte helfen, Martin Wernerts Malerei wenigstens zum Teil erfassen zu können.

Wenden wir uns zunächst dem Werk zu, das Sie, meine Damen und Herren, von der Einladungskarte kennen. Vor einer roten Wand sitzt eine junge Frau auf einem Stuhl, auf der linken Seite, oberhalb ihres Kopfes hängt ein Spiegel, in dem sich eine Aktfigur spiegelt, die vor einem Fenster steht, dessen Vorhänge zugezogen sind, um das Licht zu dämpfen. Das Werk entstand 1995, Martin Wernert überarbeitete es 2005. Die Maße sind 150 x 97 cm. Der Titellautet "ei-zo", ein aus dem japanischen entlehnter Begriff. Er steht für Reflexion, und zwar im doppelten Wortsinn. Im Duden heißt es: "Rückstrahlung von Licht, Schall, Wärme" sowie "Vertiefung in einen Gedankengang, Betrachtung". Beide Elemente können wir im Bild finden, meine Damen und Herren. Die junge Frau sitzt, wie man so sagt, gedankenverloren auf ihrem Stuhl, mit jenem nach innen gerichteten Blick, wie ihn Thomas Mann schon beschrieb. Die "Rückstrahlung von Licht" manifestiert sich im Spiegelbild. Die dort zu sehende Figur steht ja im selben Raum, in dem die junge Frau sitzt. Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob sie über eben diesen Akt nachdenkt oder über sich selbst. Und wir müssen auch nicht zu den "Plattheiten des Expliziten" - wie Martin Wernert sagt - Zuflucht nehmen, um zu erkennen, dass das Hin und Her der Blicke, vom Spiegelbild zur Sitzenden und umgekehrt, dem Hin und Her von Gedanken entsprechen dürfte.

Immer sind Kunstwerke auch ein Dialog mit schon existierenden Kunstwerken, vom Maler selbst oder von anderen Künstler. Die antike Rhetorik prägte den Begriff der emulatio, um eine Kopie zu bezeichnen, die das Vorbild in verehrender Weise wiederholt. So weit geht Martin Wernert nicht, doch sind Bezüge - mit einer gewissen Kenntnis der europäischen Kunstgeschichte - zu erkennen. An Jan Vermeer van Delft, besser bekannt als Vermeer, erinnert der Blau-Gelb-Kontrast von Himmel und Vorhang in "Der Besuch am Abend", ein Bild von 2003 mit den Maßen 170 x 130 cm. Martin Wernert folgt in seinen Referenzen keiner Chronologie, vielmehr erweist er wichtigen Vorbildern Reverenz. So auch seinem Lehrer Peter Dreher, der seit vielen Jahren jeden Tag ein Glas, ein einfaches Wasserglas zeichnet oder malt. So ein Wasserglas findet sich auf dem Fenstersims des schon erwähnten "Besuch am Abend". Im Unterschied zu Peter Drehers Gläsern ist dieses aber mit Wasser gefüllt. Ob damit der Schüler dem Lehrer beweisen möchte, dass er nicht nur dessen Darstellungsmittel beherrscht, sondern ihn darin auch übertrifft, bleibt dahingestellt. Jedenfalls ist es an sich schon schwierig genug, ein Glas wirklich in seiner Transparenz malerisch zu erfassen. Noch schwieriger ist es aber, Wasser in einem Glas zu malen, und die Durchsichtigkeiten von beidem mit ein bisschen Farbe fest zu halten. Doch geht es nicht um vordergründige Virtuosität. Vielmehr eröffnet der Künstler einen Dialog über die Epochen der Kunstgeschichte hinweg zwischen Vermeer, Dreher und ihm selbst über das Verhältnis von Farbe und Licht, über die Immaterialität des (physikalischen) Himmels und einem Gegenstand, in diesem Fall dem Glas auf dem Fenstersims, dem Innen und Außen, der Durchsichtigkeit der Luft- wenn ich so sagen darf- und der Durchsichtigkeit des Glases beziehungsweise des Wasser im Glas zusammen mit dem Glas selbst. In den Bildern finden sich stilllebenhafte Anordnungen von verschiedenen Gegenständen, zum Beispiel im Gemälde Orplid (2001 entstanden, 139 x 124 cm), wie es auch seit etwa zehn Jahren selbstständige Stillleben gibt, die Gefäße und Früchte als Motiv aufweisen. Das sind durchaus klassische zu nennende Elemente, die sich in ungezählten Beispielen aus früheren Epochen finden lassen, seien es holländische Stillleben aus dem 17. Jahrhundert (dem Goldenen Jahrhundert) oder die Meditationen über Krüge, Flaschen und Kannen Giorgio Morandis aus dem vergangenen Jahrhundert. Zwei Gruppen lassen sich unterscheiden, die eine in dunklen, die andere in hellen Farben gehalten. Beiden gemeinsam ist die wechselnde Inszenierung und Kombination der Bildgegenstände, die mit großer Freude die Variationen wiedergibt, die sich aus Lichteinfall, Reflexion des Lichts auf den Gefäßen, die Spiegelung der Früchte auf den Gefäßen und so fort wiedergibt. In mehreren Dreiergruppen zeigt uns Martin Wernert auf subtile Art wie nur kleine Veränderungen in der Gruppierung der Gegenstände das Koordinatensystem des Bildes verschieben.

Das Bild, das mich mit am meisten beschäftigt, trägt den Titel "Alkyonische Tage", es entstand 2001, wurde 2005 überarbeitet und misst 173 auf 97 cm. Eine ungemein attraktive junge Frau sitzt mit hochgezogenen Beinen auf einem Sofa und schaut direkt uns, die Betrachter, an. Den Hintergrund nimmt ein dunkelfarbiger Vorhang ein, vorne steht ein rundes Tischchen, das mit einer roten Decke belegt ist. Eine Vase ist umgekippt, die Rosen fallen über die Kante nach unten, das Wasser aus der Vase bildet schon eine Pfütze am Boden. Wer noch Zweifel an den Fähigkeiten des Malers Martin Wernert haben sollte, dürfte mit diesem Gemälde eines besseren belehrt werden. Die Malerei ist außerordentlich. Die Wiedergabe der unterschiedlichen Stofflichkeiten ist bestechend. Dabei schwelgt der Maler nicht in luxuriösen Effekten, sondern gibt seine Beobachtungen mit Genauigkeit wieder. Schauen Sie sich, meine Damen und Herren, einmal die Pfütze am Boden an. So muss Wasser gemalt sein! Auch die junge Frau, mit ihrem fixierenden, erwartungsvollen Blick, schlägt den Betrachter in den Bann. Doch scheint sie das "Geschehen" nicht wahrgenommen zu haben. Und ist da nicht auch noch ein Mauersegler zu sehen, der sich in den Raum verirrt hat. Ähnlich wie bei "ei-zö" können nur wir, die wir vor dem Bild stehen, dieses als Ganzes wahrnehmen. Die Formulierung "alkyonische Tage" steht für friedliche, windstille, gewissermaßen von großer Gelassenheit geprägte Sommertage, wie wir sie ja in den letzten Wochen selbst erleben konnten. Allerdings rührt der Begriff von einer letztlich traurig endenden Geschichte aus Ovids Metamorphosen her. Alkyone, die Tochter des Äolus, wartet auf die Rückkehr des Geliebten, muss aber schließlich erfahren, dass er Schiffbruch erlitten hat. Diese Erläuterung gebe ich nur, um Ihnen, meine Damen und Herren, den Titel besser verständlich machen zu können. Damit ist das Bild nicht zu Gänze erklärt. Das wäre auch nicht im Sinne des Malers, der einmal vor "Plattheiten des Expliziten" warnte. Für mich bildet das Werk den Kern des Oeuvres von Martin Wernert. Seine überragende malerische Durchführung geht einher mit seiner inhaltlichen Verdichtung. Wobei der Inhalt hier mehr der Logik von Traumbildern folgt, es ist keine Geschichte, die von Anfang bis zum Ende erzählt werden kann. Das dürfte auch die Faszination begründen, die das Werk ausstrahlt. Ähnlich wie uns ein Traum oft länger beschäftigt, als die uns bei Tag umgebende Welt.

Die hier in der Galerie im Torhaus präsentierte Auswahl von Gemälden und Zeichnungen Martin Wernerts legt den Schluss nahe, dass es in seinem Werk in besonderem Maße um die Reflexion über die Kunst und die Welt mit den Mitteln der Malerei geht. Das heißt aber gerade nicht, dass die Bilder nur- in Anführungszeichen- Illustrationen zu ebensogut in Worte zu fassenden Ansichten des Malers über die Welt im allgemeinen und die Kunst im besonderen wären. Ganz im Gegenteil: Einen Text zu diesen Bildern gibt es nicht, höchstens Texte. Es ist die Aufgabe des Betrachters, seinen Text zu finden. Dabei wünsche ich Ihnen, meine Damen und Herren, viel Vergnügen und danke für Ihre Aufmerksamkeit!

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